Die Gedanken fliegen, nur der Lautstärkeregler hört zu
Wer heute mit KI arbeitet, stolpert relativ rasch in die Spracherkennung. Man kann zwar beim Sprechen vielleicht nicht so klar formulieren wie beim Schreiben, ist aber unglaublich rasch. Die Gedanken fliegen, das Diktat läuft einfach mit, und was man gerade gesagt hat, kann man im nächsten Satz wieder korrigieren. Es entsteht ein Fluss, den das Schreiben auf einer Tastatur in dieser Geschwindigkeit kaum zulässt.
Dennoch, und das halte ich für wesentlich, ist das Reden eine andere Form des Denkens als das Schreiben.
Das Schreiben ist doch immer wieder auch ein Sich-selbst-Revidieren. Ich schließe einen Satz ab, lese ihn noch einmal, überprüfe die Grammatik, sortiere meine Gedanken, ändere etwas, und dabei verändert sich vielleicht auch das, was ich ursprünglich sagen wollte. Das geschriebene Wort liegt vor mir, ich kann es betrachten, ich kann darüber reflektieren, es verwerfen oder einen anderen Gedanken daraus entwickeln. Es ist dieses noch einmal Sehen des geworfenen Wortes, das die Schrift zu einer eigenen Form des Denkens macht.
Das Reden hingegen ist emotionaler, unmittelbarer, lauter, und es kennt diese Revision kaum, bestenfalls die Wiederholung oder den nachgeschobenen Gedanken. Wir können uns beim Sprechen verbessern, natürlich, aber wir können das bereits Gesagte nicht einfach ausradieren, es ist ausgesprochen.
Wenn wir nun beginnen, diese beiden Formen zu vermischen, indem wir sprechen und die Maschine daraus einen Text erzeugt, dann gewinnen wir Geschwindigkeit, verlieren aber möglicherweise einen Teil dieser Selbstrevision. Und das ist vielleicht eine Veränderung, deren Bedeutung wir noch gar nicht ausreichend verstehen.
Kein Brief wird geschwärzt. Er wird freundlich gemacht.
Wir werden also wieder mehr reden, aber nicht miteinander. Wir werden mit der Maschine sprechen. Die Maschine wird unsere Worte verkodieren, in ihren neuronalen Netzwerken verarbeiten, in einer Form ablegen, die wir selbst weder lesen noch verstehen können, und wird sie vielleicht in einer anderen Sprache jemand anderem vorlesen.
Es werden nicht mehr unsere Originalworte sein.
Sie werden getrimmt sein, geradegestellt, mit dem guten Standard abgemischt, höflich ausgerollt, compliancemäßig angepasst, gewaltfreie Sprache, keine bösen Worte, keine unnötigen Aufregungen. Genormt an das, wie man heute kommunizieren soll.
Natürlich muss die Maschine nicht zwangsläufig zensieren. Aber sie ist eine Compliance-Maschine, und Compliance ist ein rutschiger Trichter, in den man hineinfällt.
Die Neusprache, die da kommt, zumindest jene, die wir im Umgang mit der Maschine verwenden werden, wird auch von der Maschine dominiert sein. Denn die Maschine wird das, was sie nicht weitergeben will oder nicht weitergeben darf, entweder gar nicht verarbeiten oder in einer Form verändern, die ihren Regeln entspricht. Und daraus werden wir lernen, ganz ohne ausdrücklichen Zwang. Wir werden lernen, so zu sprechen, dass die Maschine uns versteht und das Gewünschte daraus macht.
Wenn ich heute ein unhöfliches E-Mail schreiben möchte, weil ich jemanden beleidigen will, weil ich wütend bin oder weil ich einfach meinem Ärger Luft machen möchte, dann wird mir die Maschine vielleicht einen rechtlich einwandfreien, höflichen, sachlichen und dennoch bestimmten Brief daraus machen. Sie wird meine Emotionen sortieren, vielleicht rechtliche Argumente ergänzen, die Sprache entschärfen und das Ganze freundlich wegschicken.
Nur wird sie möglicherweise nicht das tun, was ich eigentlich wollte.
Sie wird meinen emotionalen Willen brechen. Sie wird mich entschärfen.
Und vielleicht werden wir das sogar begrüßen, denn wer will schon unhöfliche Briefe bekommen, wer will Konflikte, wenn es sich doch auch alles freundlich und bestimmt erledigen lässt?
Damit geht aber auch der unmittelbare Kontakt zum Anderen in einer gewissen originären Form verloren. Die Kette ist durchschnitten. Der Brief wird zensiert, nicht durch Schwärzung, sondern durch Umformulierung, durch Freundlichmachen, durch Verkürzung, durch Erklärung. Was beim Empfänger ankommt, ist nicht mehr unbedingt das, was der Absender gesagt hat.
Es wird etwas anderes sein.
Stirbt die Tastatur, stirbt der Letter!
Die ältere Generation, zu der ich mich selbst auch zähle, tendiert noch dazu, den diktierten Text sehen zu wollen. Wir lesen ihn am Bildschirm, kontrollieren noch einmal drüber, korrigieren da und dort etwas und schicken ihn dann ab.
Ich glaube allerdings, dass die nächste Generation, jene jungen Leute, die heute heranwachsen, das zunehmend nicht mehr tun wird. Wozu auch? Wenn ich mit der Maschine sprechen kann, wenn sie meine Gedanken in eine brauchbare Nachricht verwandelt und die Antwort der anderen Maschine mir wieder vorliest, warum sollte ich mich dann noch mit dem geschriebenen Text beschäftigen?
Die Tastatur wird zum Arbeitsgerät einer aussterbenden Berufswelt, vielleicht noch für die Bürokraft über 50, für den Buchhalter, der Zahlenkolonnen eintippt, obwohl auch diese Tätigkeit ohnehin dem Verschwinden entgegengeht, oder für ein paar Menschen, die aus Gewohnheit noch schreiben wollen.
Natürlich könnte man jetzt einwenden, dass durch die Spracherkennung viel mehr geschrieben werden kann als jemals zuvor, dass Menschen, die früher kaum einen Satz formuliert haben, nun plötzlich ganze Bücher diktieren könnten.
Aber nein. Das können sie nicht einfach. Denn ihnen fehlen möglicherweise genau jene Fähigkeiten, die es dazu braucht. Wer nicht gelernt hat, zu lesen, einen längeren Gedanken schriftlich zu verfolgen, einen Text zu verstehen und sich dabei selbst zu korrigieren, wird nicht dadurch zum Schriftsteller, dass ihm die Maschine das Tippen abnimmt. Man muss lesen können, um schreiben zu können. Das ist nicht bloß eine Frage der technischen Eingabe.
Was bleiben wird, sind wahrscheinlich die sich gegenseitig gesendeten Voice Messages, eine sehr verkürzte Form der Alltagskommunikation. Gehst du mit ins Bad? Sehen wir uns am Wochenende? Kurze Nachrichten, unmittelbare Bedürfnisse, eine vielleicht zunehmend infantile Sprache.
Es gab aber einmal etwas dazwischen.
Es gab eine schriftliche zwischenmenschliche Sprache, die ohnehin schon in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich verödet ist, als die Menschen aufgehört haben, groß und klein zu schreiben, ihre E-Mails irgendwie hineinzutippen begannen und sich immer weniger darum kümmerten, wie ein Satz eigentlich gebaut ist. Und nun sind wir vielleicht an einem Punkt angekommen, an dem auch diese Reste verschwinden.
Stirbt die Tastatur, stirbt der Letter, stirbt mit dem Letter auch die Schrift, stirbt mit der Schrift auch ein Teil der Sprache?
Wahrscheinlich ja.
Und es wird wohl auch immer weniger gedruckt werden, denn wenn mir die Maschine ohnehin alles vorlesen kann, warum sollte ich dann noch selbst lesen? Spätestens in einer Generation könnte das Buch zu einem Relikt geworden sein, ähnlich der Schellackplatte, die noch ein paar Liebhaber aufbewahren und gelegentlich abspielen.
Die Hausbibliothek wird dann vielleicht etwas sein, das sich einzelne Herrschaften aufstellen, so wie einen schönen Weinkühlschrank. Man besitzt sie, man zeigt sie gerne her, man erfreut sich an ihrem Anblick, aber der eigentliche Gebrauch ist längst ein anderer geworden.
Es wäre das Ende eines gutbürgerlichen Zyklus, in dem das Lesen und Schreiben, der Besitz von Büchern und die Fähigkeit, sich schriftlich auszudrücken, auch einen wesentlichen Teil unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses ausgemacht haben.
Was die Maschine nicht liest, geht verloren
Was bedeutet das nun für die Speicherung unseres Wissens?
Ich glaube, das ist vielleicht der wesentlichste Teil dieser ganzen Entwicklung. Denn wir erleben ja bereits heute, dass sich die Speicherung, oder besser gesagt die praktische Verwendung unseres Wissens, zunehmend in die Maschine verlagert.
Das Buch wird gescannt, extrahiert, aufbereitet, nicht einfach nur digitalisiert, sondern gewissermaßen verneuronalnetzwerkt. Es verschwindet nicht notwendigerweise als Original, die Bücher können weiterhin in Bibliotheken stehen und ihre digitalen Abbilder irgendwo auf Servern liegen.
Aber es verschwindet zunehmend aus dem täglichen Gebrauch.
Wenn wir etwas wissen wollen, werden wir nicht mehr das Buch aufschlagen, sondern die Maschine fragen. Und die Maschine wird uns das geben, was sie aus dem Buch und aus Tausenden anderen Quellen verarbeitet, zusammengemischt und für relevant befunden hat.
Das Original bleibt vielleicht erhalten. Aber wer wird es noch lesen?
Und damit entsteht eine ganz andere Form des Verlustes. Was die Maschine nicht aufgreift, nicht verarbeitet, nicht für wesentlich hält, das wird in der praktischen Weitergabe unseres Wissens womöglich verloren gehen. Nicht, weil es physisch vernichtet wurde, sondern weil es in jenem Wissen, das wir künftig tatsächlich verwenden, einfach nicht mehr vorkommt.
Jenes zwischen den Zeilen, das es ja geben mag, jene Zwischentöne, die Widersprüche, die Andeutungen, die persönlichen Eigenheiten eines Autors, die eine Maschine vielleicht noch nicht lesen kann, weil sie noch nicht jene absolute Version ist, von der wir träumen, oder weil es schlicht nicht vorgesehen ist, obwohl sie es möglicherweise könnte.
Es wird also Digitalisierungsverluste geben, oder genauer gesagt Verluste durch die maschinelle Verarbeitung unseres Wissens. Und diese Verluste werden möglicherweise gar nicht mehr auffallen, weil niemand mehr das Original zum Vergleich heranzieht.
Was wir dagegen tun können, ist wahrscheinlich nicht klar. Zu groß ist dieser Strom, der jetzt auf uns zukommt, zu groß auch die Verführung der geistigen Faulheit, sich einfach nicht mehr mit Lesen und mit dem geschriebenen Wort zu beschäftigen, wenn man sich alles vorlesen lassen kann, wenn eine Frage und ein bisschen Geplappere genügen.
Und damit stellt sich für mich am Ende noch eine andere Frage.
Wird es in einer solchen Welt überhaupt noch genuines Wissen geben, einzigartiges Wissen, das ein Mensch selbst entwickelt, schriftlich formuliert, überarbeitet und schließlich anderen Menschen zugänglich macht? Und selbst wenn das weiterhin möglich sein wird, wird es überhaupt noch Sinn machen, sich dieser Mühe zu unterziehen, wenn die Maschine das Ergebnis ohnehin wieder zerlegt, verarbeitet und mit allem anderen vermischt?
Vielleicht verlagert sich dabei auch die Fähigkeit, Wissen zu erzeugen und verfügbar zu machen, abermals zu den Kapitalstarken, zu jenen, die sich mehr Tokens, mehr Rechenleistung und bessere Maschinen leisten können. Aber das ist eine eigene Frage, die wir uns noch gesondert stellen müssen.
Für den Moment bleibt für mich die Vorstellung, dass wir in eine Zeit eintreten, in der wir ungeheuer viel sprechen und ungeheuer viel Information produzieren werden, gleichzeitig aber etwas verlieren könnten, das über Jahrhunderte ein wesentlicher Teil unserer Kultur war: die Fähigkeit, einen Gedanken selbst schriftlich zu formen, das geworfene Wort noch einmal zu betrachten, daran zu arbeiten und es schließlich unverändert einem anderen Menschen zu übergeben.
Wir werden wieder reden. Aber vielleicht immer seltener miteinander.