„If you have any work for me, please let me know.“ So beginnen seit Neuestem Konversationen mit jungen IT-Kolleginnen aus Pakistan und Indien, mit denen ich noch vor einigen Jahren WordPress und SEO gemacht hatte. Damals waren sie vollkommen ausgelastet, eher war ich der Bittsteller, wenn ich Unterstützung für ein Projekt brauchte. Heute sieht es dort ganz anders aus. Heute scheint ihnen die KI bereits auf breiter Front die Arbeit weggenommen zu haben.

So wie ich verstanden habe, versuchen die Mädels dort zwar auch selbst mit KI etwas zu machen, aber die Rückverlagerung ihrer bisherigen Tätigkeiten dürfte längst stattgefunden haben, nicht in physischer Form, sondern im digitalen Raum. Die Arbeit ist nicht in ein anderes Billiglohnland gewandert. Sie wird womöglich einfach dort erledigt, wo der Auftraggeber sitzt, mit Maschinen, die er nun selbst bedienen kann. Die Werkbank Pakistan und Indien, soweit es um Websites, SEO und verwandte Tätigkeiten geht, scheint jedenfalls in Auflösung begriffen zu sein.

Und das ist vielleicht gerade wegen der Geschwindigkeit dieser Disruption bemerkenswert, denn wir reden hier über zwei, vielleicht drei Jahre, nicht über eine ganze Generation. Ein Wegweiser für das, was bald anderswo zu erwarten ist, wohl auch hier in der EU.

Alles ist möglich

Wer sich heute mit modernen kommerziellen AI-Versionen beschäftigt, so wie ich das seit geraumer Zeit tue und diese auch implementiere, der kennt bereits die Möglichkeiten, Tätigkeiten wie jene eines Kostenrechners, eines Kalkulanten, eines Disponenten oder eines Lohnverrechners weitgehend abzulösen oder den dafür eingesetzten Arbeitsaufwand, die Human Power, auf einen Bruchteil zu senken.

Die Leute lassen sich oft von der ChatGPT-Maske oder der Cloud-Maske täuschen, wo quasi nur ein Dialog stattfindet, und sagen: Na ja, das kann ja nichts. Dabei unterschätzen wir, was im Hintergrund tatsächlich bereits möglich ist. Machbar ist. Gemacht wird. Schnittstellen zu unterschiedlichsten Systemen, zu Telefonanlagen, mit denen die KI aktiv Personen anrufen oder Informationen abfragen kann, zu E-Mail-Systemen, in denen sie Nachrichten liest und beantwortet, oder zur Browsersteuerung, mit der sie auf andere Datenbanksysteme zugreift, auch dann, wenn es keine direkte Schnittstelle gibt.

Das heißt, wir haben hier bereits ein System, das grundsätzlich meinetwegen in einer Teams-Besprechung als sprechender, hörender Mitarbeiter dabei sein kann, der sich Termine legt, Sachen erledigt, Informationen abfragt, E-Mails schreibt und Personen anruft. So weit wären wir heute bereits technisch.

Dann werden aber alle sagen: Ja, aber der Human Spirit, diese Fähigkeit, individuelle Probleme zu lösen. Im zwischenmenschlichen Umgang, ja, wahrscheinlich. Aber in Compliance-Fragen oder beim Finden von Lösungswegen ist die Maschine in vielen Bereichen schon heute besser, weil sie einfach über einen größeren Informationspool verfügt und Möglichkeiten miteinander verknüpfen kann, die einem einzelnen Menschen nicht ohne Weiteres zugänglich sind.

Aber warum passiert eigentlich noch nichts?

Wenn wir uns nun vor Augen führen, dass es in der Europäischen Union, sage und schreibe, rund 125 Millionen White-Collar-Worker-Arbeitsplätze gibt, also Arbeitsplätze von Menschen, die im Wesentlichen mit Informationen, Organisation und Entscheidungen beschäftigt sind, und dass ein erheblicher Teil dieser Tätigkeiten bedroht sein könnte, dann stellt sich natürlich die erste aller Fragen: Warum passiert das eigentlich noch nicht?

Warum erleben wir nicht jetzt, genau in diesem Moment, den großen Einbruch? Warum verlieren die Leute nicht längst ihre Arbeitsplätze? Warum sitzen noch Menschen in Steuerberatungskanzleien, warum arbeiten sie weiterhin als Kostenrechner in Unternehmen oder als Disponenten, die Arbeiter einteilen?

Grundsätzlich gibt es ja immer eine gewisse Beharrlichkeit, die sich gegen Neues oder gegen Veränderungen stemmt, vor allem dann, wenn diese Veränderungen das bestehende System bedrohen. Das scheint mir eine systemimmanente Beharrlichkeit zu sein, fast eine Art Naturgesetz von Systemen, in ihrer bestehenden Version fortfahren zu wollen. Man kennt seine Abläufe, seine Mitarbeiter, seine Risiken, und solange es irgendwie funktioniert, macht man weiter. Das System belohnt Veränderung oder Impuls von außen selten.

Diese Beharrlichkeit wird überwunden, wenn der Druck groß genug ist. Und genau an diesem Punkt gabeln sich zwei Wege: die Disruption, also das radikale Voranschreiten, und die Erosion, bei der das bestehende System schrittweise ausgehöhlt wird. Wobei beide Varianten für sich genommen nicht besonders angenehm oder schön sind, uns ihre Unterscheidung aber vielleicht hilft, zu verstehen, was jetzt auf uns zukommt.

Zwei Geschwindigkeiten

Was kann dieser Druck sein? Nehmen wir zehn Steuerberater. Einer davon beginnt, vier seiner fünf Lohnverrechner abzubauen, automatisiert einen Großteil der Arbeit und kann eine Lohnverrechnung statt um 20 Euro um drei Euro anbieten. Die anderen neun können mit dem bestehenden Personal nicht mitziehen, weil ihre Lohnkosten zu hoch sind. Also müssen sie sich ähnliche KI-Lösungen suchen, und zwar nicht unbedingt deshalb, weil sie besonders technologiebegeistert wären, sondern weil ihnen der Markt gar keine andere Wahl lässt.

Das wäre das disruptive Szenario. Das Faszinierende daran ist, dass dabei auch die Preise sinken. Kostensenkungen werden entlang ganzer Leistungsketten weitergegeben, die Margen geraten unter Druck, und die KI kann zusätzlich ein Überangebot an bestimmten Leistungen erzeugen, was die Preise abermals drückt. Wir haben es dann möglicherweise nicht nur mit einem Verlust von Arbeitsplätzen zu tun, sondern mit einer echten Schrumpfung von Umsätzen und wirtschaftlichen Strukturen, vielleicht auch mit einer weitergehenden Schrumpfung der Wirtschaft.

Damit wird allerdings die nächste Frage schwierig: Wie versorgt man Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn gleichzeitig die wirtschaftliche Basis, auf der man zusätzliche Steuern erheben möchte, unter Druck gerät? Von Maschinensteuern oder sonstigen neuen Abgaben wird ja gerne gesprochen. Aber Steuern in eine schrumpfende Wirtschaft hineinzusetzen, führt nicht automatisch zu jenen zusätzlichen Einnahmen, die man benötigen würde.

Ganz abgesehen davon, dass die europäischen Maximalstaaten, und ich rede jetzt einmal von der EU, ohnehin schon sehr, sehr überbalanciert sind und große Teile der Volkswirtschaft kontrollieren. Dazu kommt, dass sie in manchen Bereichen längst am Rand der Globalisierung stehen. Das könnte am Ende noch eine Rolle spielen, möglicherweise eine ziemlich unangenehme.

Die zweite Variante ist die Erosion. Man beginnt zu experimentieren, setzt KI dort ein, wo es technisch einfach geht und einigermaßen sicher funktioniert, und ersetzt Mitarbeiter nicht von heute auf morgen, sondern besetzt frei gewordene Stellen nach Pensionierungen oder Kündigungen einfach nicht mehr nach. Man scheut sich, ins kalte Wasser zu springen, weil vielleicht doch etwas nicht funktioniert, weil ein Prozess stehen bleibt, weil man Verantwortung trägt und nicht weiß, wer dann den Fehler ausbaden soll.

Im Grunde kann das Ergebnis dasselbe sein, nur langsamer. Die Schrumpfung fällt am Anfang vielleicht schwächer aus, es bleibt mehr Zeit zum Gegensteuern, oder genauer gesagt zum Abschwächen und zum Suchen nach Alternativen. Dass gewisse Jobs verloren gehen, scheint mir allerdings in beiden Szenarien kaum aufzuhalten zu sein.

Und was geschieht mit den Menschen?

Was mit den Menschen geschieht, hängt wieder davon ab, ob wir eher Disruption oder Erosion erleben. Bei einer raschen Disruption könnte es zu einem Absturz in die Arbeitslosigkeit kommen, zu einer Gesellschaft, in der viele Menschen vielleicht grundalimentiert werden und daneben kleine Alltagsjobs erledigen, Gig-Jobs also, bei denen sie für irgendjemanden etwas abholen oder besorgen, irgendetwas tun, was die KI oder die Drohne eben noch nicht kann, und dafür wenige Euro bekommen.

Eine stark atomisierte, kaum hierarchische Gig-Wirtschaft, wie wir sie in anderer Form auch aus der informellen Wirtschaft in Südamerika oder Afrika kennen. Wenn Arbeitslosigkeit in einem solchen Szenario auf 40 oder 50 Prozent steigen würde, dann könnte genau so etwas entstehen. Meine Kolleginnen in Indore oder Multan scheinen mir aus längerfristigen Projektarbeiten bereits wieder in solche einzelnen Gig-Jobs zurückgerutscht zu sein. Vielleicht sehen wir dort gerade im Kleinen, was andernorts noch bevorsteht.

Wenn die Veränderung dagegen erodierend verläuft, besteht zumindest die Hoffnung, dass durch die Langsamkeit andere Entwicklungen eintreten, parallele Entwicklungen, die diese Menschen oder Gruppen von Menschen auffangen können. Ich würde dabei nicht zuerst an staatliche Planung denken, weil die bei solchen Veränderungen im Allgemeinen recht schlecht funktioniert. Aber es könnte Beschäftigungen, Geschäftsmodelle und Formen wirtschaftlicher Tätigkeit geben, die wir heute noch gar nicht kennen und deshalb auch nicht absehen können.

Nur eines wird nicht funktionieren: Menschen einfach in großem Stil mit staatlich bezahlten Unterhaltungsjobs zu beschäftigen und zu glauben, damit wäre das Problem gelöst.

Was habe ich zu tun?

Was können wir nun für uns selbst und für unsere Umgebung tun? Ich glaube, wir sollten zunächst sehr genau beobachten, ob wir schneller auf ein disruptives oder auf ein erodierendes Szenario zusteuern. Und wir sollten uns ansehen, welche Jobs vielleicht nur rudimentär bestehen bleiben und welche vollständig verschwinden könnten.

Es gibt wohl auch Länder, die eine gewisse Vorbildwirkung haben, oder besser gesagt Wegweiser sind. Das sind wahrscheinlich die Vereinigten Staaten und einige asiatische Länder. Wer heute nach China blickt oder in verschiedene US-Bundesstaaten, wird vielleicht früher erkennen können, was passiert, und wir müssen unser wirtschaftliches Leben daran ausrichten, möglicherweise mit einer Radikalität, die wir in unserem europäischen Leben bisher nicht kannten. Unser gemütliches europäisches Leben.

Und was heißt das für den Unternehmer genau? Es heißt, im eigenen Betrieb, im eigenen Job nach den Hebeln zu suchen. Sich Informationen zu holen, mit Leuten zu arbeiten, die schon etwas umgesetzt haben, und erkennen zu lernen, welche Teile der Systeme, in denen wir arbeiten, AI-tauglich sind. Nicht nur eine kleine Tätigkeit herausgreifen, sondern das ganze System betrachten.

Dazu gehört etwas, was lustigerweise viele Leute, die AI-skeptisch sind, nicht haben: Kreativität und Fantasie. Je mehr wir uns vorstellen können, Dinge zu automatisieren, je mutiger wir an die Sache herangehen, desto besser werden wir das tun. Und vielleicht haben wir dann auch mehr Zeit für Sachen, die uns wirklich Freude machen. Das ist ja auch keine Frage.

Aber wichtig ist dieser Mut, und die Kreativität, und der große Wurf. Wer heute sagt: Na ja, ich möchte jetzt einmal nur diesen einen Brief automatisieren, der könnte doch gleich sagen: Okay, ich möchte alle meine Briefe automatisieren. Ich möchte auch alle Briefe, die hereinkommen, einscannen, analysieren und beantworten lassen. Oder ich gehe noch eine Stufe weiter und sage: He, lies meine E-Mails, analysiere sie, teile sie Kollegen zu und hol dir nach drei Tagen ein Feedback. Dann reden wir nicht mehr über einen automatisierten Brief. Dann reden wir über einen Arbeitsprozess, der weitgehend von selbst läuft.

Generation AI

Sich dieser Entwicklung nicht versperren. Man kann sie nicht aussitzen. Sie kommt. Sich nicht ausschließlich mit Leuten umgeben, die einem erklären, warum etwas nicht funktionieren wird. Nicht auf der Loser-Seite stehen. Klares analytisches Denken, aggressives Zugehen auf die Sache und vor allem die Bereitschaft, sich selbst und die eigenen Abläufe infrage zu stellen. Vielleicht sich auch ein neues Leben vorstellen können.

Und natürlich mit Leuten sprechen, die solche Systeme bereits umsetzen, gerne auch mit mir und meiner Beratungsfirma, Generation AI. Denn was jetzt kommt, ist die Generation AI, und Du solltest dazugehören.

Das sind Dinge, die wir uns nicht wirklich aussuchen können. Aber wir müssen so bald wie möglich darüber sprechen.